Ansprache Seiner Hoheit des Premierministers Scheich Nasser AI-Mohamed AI-Ahmad AI-Sabah bei der Eröffnungsfeier des Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforums Berlin am 7.- 8. September 2006
Do. 07.09.2006

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel
Herrn Michael Glos, Bundesminister für Wirtschaft und Technologie
Dr. Thomas Bach, Präsident der Arabisch-Deutschen Vereinigung für Handel und Industrie (Ghorfa)
Herrn Abdulaziz AI-Mikhlafi -Generalsekretär der Ghorfa
Sehr geehrte Damen und Herren, |

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Ich freue mich hier zu sein und richte meine besten Grüße und Wertschätzung an die Funktionäre der Arabisch-Deutschen Vereinigung für Industrie und Handel, des Bundesministeriums für Wirtschaft, des Deutschen Industrie- und Handelskammertages und der Industrie- und Handelskammer von Kuwait für ihre Bemühungen bei der Organisation des 9. Deutsch-Arabischen Wirtschaftsforums, das in einer großen Wirtschaftsbekundung die einmalige Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den arabischen Ländern belegt. Ich danke Ihnen für die Einladung zu diesem Forum.
Mit großer Freude übermittle ich die Grüße Seiner Hoheit des Emirs des Staates Kuwait, Scheich Sabah AI-Ahmad AI-Jaber AI-Sabah, möge Gott ihn schützen, der noch einmal die Bedeutung von Verständigung zwischen Völkern, besonders im Bereich der Wirtschaft, betont, sowie von Seiner Hoheit Kronprinz Nawaf AI-Ahmad AI-Jaber, möge Gott ihn schützen. Es ist eine große Freude, dass Kuwait das diesjährige Partnerland dieses 9. Forums ist, das in der wichtigsten Zeit unseres Strebens nach wirtschaftlichem Fortschritt stattfindet.
Es war mir eine Freude, zusammen mit meinem Bruder Ali Mohamed Thunayan AI Ghanim, Vorsitzender der Kuwaitischen Industrie- und Handelskammer, einen Rückblick auf die Errungenschaften des Deutsch- Arabischen Wirtschaftsforums während der letzten acht Jahre und die Bemühungen zur Entwicklung der deutsch-arabischen Wirtschaftsbeziehungen zu werfen.
Diese arabisch-deutsche Zusammenarbeit zur Sicherung der wirtschaftlichen Partnerschaft unter unseren Ländern ist notwendig in der 1eutigen Welt, die nicht mehr isoliert ist, da die internationale wirtschaftliche lusammenarbeit heutzutage ein unerlässliches Mittel zum Fortschritt und VIJohlstand, eine Brücke des Friedens und ein Ziel in der Entwicklung unserer Völker darstellt.
Die verschiedenen Themen, die während dieses Forums zur Diskussion stehen, bezeugen von den Überlegungen nach Möglichkeiten, die Entwicklung in der arabischen Welt zu unterstützen, sowie von der objektiven Behandlung der Schwierigkeiten bei der Erzielung einer Einigung, die die arabisch-deutsche Partnerschaft stärkt.
Ich wurde auf einige der Workshops aufmerksam, u.a. Ausbildung und berufliche Weiterbildung, da die Regierung von Kuwait in diesem Bereich laufende Bemühungen einsetzt und es als eine Priorität betrachtet, da es das wichtigste Element zur Sicherung der Weiterentwicklung und eines echten und dauerhaften Kapitals darstellt. Ich wurde auch, zusätzlich zu den anderen Workshops, auf den Workshop zu IT, Telekommunikation und Informationssicherheit aufmerksam, da wir uns tatsächlich in dem Informationszeitalter befinden, in dem Medien und Inhalte in einem schnellen Tempo fortschreiten. Ich hoffe, Kuwait wird die Gelegenheit nutzen, auf das Studium dieser Fragen in Ihrem geschätzten Forum einzugehen.
Bezüglich der Plenarsitzung über Investitionen: betrachten wir die neuesten Zahlen im deutsch-arabischen Handelsaustausch, sehen wir einen echten Wachstum im Handelsindex, da Einfuhren nach Deutschland aus arabischen Ländern im ersten Quartal dieses Jahres mit 2.9 Mrd. Euro einen Zuwachs von 40% im Vergleich zur gleichen Periode im Vorjahr erreichten. Deutschland exportierte in diesem Zeitraum Produkte in Höhe von 4.8 Mrd. Euro in die arabische Welt, was einem Zuwachs von 15% gegenüber der gleichen Periode vom Vorjahr entspricht. Diese Indexe verdeutlichen die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der arabischen Welt und Deutschland und es ist zu erwarten, dass sie weiter steigen.
Geehrte Damen und Herren,
Wie Sie zweifellos wissen, hat Kuwait sich vorgenommen, einen Weg der Vernunft auf der Ebene der Wirtschaftspolitik einzuschlagen mit der Teilnahme des kuwaitischen Volks, vertreten durch das gewählte Nationalparlament, da Kuwait politische Einrichtungen und stabile finanzielle Institutionen fördert, die von zahlreichen unabhängigen internationalen Finanzinstituten anerkannt werden. In der Tat haben wir ein System frei von staatlichen Kontrollen über den internationalen Austausch von Gütern, Kapital und Arbeitskräften und wir tun unser Äußerstes, Kuwait zu einer internationalen Position in Finanz zu verhelfen, in der Kenntnis, dass wir in vielen Bereichen ehrgeizige Privatisierungspläne und große Ambitionen für einige Riesenprojekte haben, die uns ausgezeichnete Gelegenheiten für Investitionen bieten, einschließlich Aufbau und Entwicklung der Infrastruktur und strategischer Transportwege, zusätzlich zu unseren Investitionen in den äl- und Energiebranchen.
Wie wir alle wissen verfügt Kuwait über eine strategische Lage von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung als Investitionsportal zu benachbarten Märkten, und es bietet sowohl arabischen als auch deutschen Teilnehmern große Investitionsgelegenheiten.
Andererseits ist Kuwait als erstes arabisches Land, das in Deutschland investierte, einer der wichtigsten internationalen Partner für Deutschland, das wiederum an der Spitze der ersten dreißig Länder steht, die in diesem Jahr nach Kuwait exportierten. Tatsächlich importierte Kuwait im Jahre 2004 Güter und Dienstleistungen im Wert von US$ 1.4 Mrd. aus Deutschland. Wir hoffen, eine Reihe von bereits bestehenden Handelsabkommen zwischen Kuwait und Deutschland im besten Interesse bei der Parteien auszubauen.
Meine Brüder und Freunde,
Kuwait steht vor einer bedeutenden Entwicklung in verschiedenen Wirtschafts- und Entwicklungsbereichen -wir haben eine Zukunftsvision von ehrgeizigen wirtschaftlichen und sozialen Vorhaben und wir wollen unsere Einkommensquellen diversifizieren und die erzielten Überschüsse für unser Volk investieren. In dieser historischen Phase ist es unser erklärtes Ziel, die Zusammenarbeit zwischen den Völkern zu unserem gegenseitigen Vorteil zu erreichen. Dieses Ziel verfolgen wir unter der Leitung Seiner Hoheit des Emirs von Kuwait, möge Gott ihn schützen.
Meine Damen und Herren,
wir wissen alle, dass Stabilität der Entwicklung vorausgehen muss; Letzteres kann ohne langfristige Stabilität nicht erreicht werden. Unsere arabische Region wurde vielen destabilisierenden Faktoren ausgesetzt und leidet noch immer darunter. Es ist unsere Hoffnung, dass die Bundesrepublik Deutschland und die internationale Gemeinschaft daran arbeiten werden, diese Probleme zu lösen und die Spannungen in der Region abzubauen, damit wir in Wohlstand und Frieden leben können.
Wir in Kuwait sind bereit, mit allen unseren Freunden konstruktiv und kreativ zusammenzuarbeiten, um die Entwicklung zu leiten. Mit Gottes Frieden und Segen. |
| Rede von Altbundeskanzler Schröder in Kuwait |
Rede von Altbundeskanzler Gerhard Schröder vor dem deutsch-kuwaitischen Wirtschaftsforum, am Dienstag, 1. März 2005, in der Industrie- und Handelskammer von Kuwait
Di, 01.03.2005
Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrter, lieber Herr Al Ghanim,
meine sehr verehrten Damen und Herren!
Zunächst will ich mich sehr herzlich für die Gastfreundschaft bedanken, die meine Delegation und ich in Ihrem Land haben erfahren dürfen. Es ist eine Gastfreundschaft, die auf Beziehungen beruht, die eine lange gute Tradition haben, sowohl im Politischen als auch im Wirtschaftlichen. Deswegen erfüllt es mich mit Freude, hier sein zu können. Ich habe Ihrem Ministerpräsidenten gestern sagen können, dass Deutschland daran interessiert ist, ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen Kuwait und Deutschland aufzuschlagen. Das gilt politisch, ökonomisch, aber insbesondere auch kulturell.
Kuwait und Deutschland sind bedeutende Kulturnationen und haben einander viel zu geben. Sie können den Dialog der Kulturen voranbringen - ein Aspekt, der gewiss nicht kurzfristig wirtschaftliche Erfolge bringt, aber mittel- und langfristig die Völker näher zueinander bringt und deshalb auch positive Auswirkungen auf die ökonomische Zusammenarbeit haben wird.
Sie wissen, meine sehr verehrten Damen und Herren, dass die wirtschaftlichen Beziehungen keineswegs einseitig sind. Sie sind vielmehr durch eine faire Partnerschaft geprägt. Vor mehr als 30 Jahren hat der Emir von Kuwait eine sehr weitsichtige Entscheidung getroffen, die Entscheidung nämlich, nicht nur mit Deutschland Handel zu treiben, was viele Nationen tun, sondern auch die Entscheidung, sich in Deutschland an wichtigen industriellen Unternehmen zu beteiligen. Damals hieß das bedeutsamste Unternehmen noch Mercedes; jetzt heißt es DaimlerChrysler. Weitere Beteiligungen sind hinzu gekommen, z. B. die Beteiligung Kuwaits an der Metallgesellschaft. Wir sind uns einig, dass das erst ein Anfang ist. Es kommt immer darauf an, dass in den jeweiligen Partnerländern direkt investiert wird. Denn das ist die sicherste Basis für eine nachhaltige und langfristige Zusammenarbeit, um die es uns beiden geht.
Ich will, meine Damen und Herren, einige Bemerkungen zu den Vorteilen machen, die Deutschland bietet. Herr Al Ghanim hat schon darauf hingewiesen. Deutschland ist die größte Volkswirtschaft und mit Abstand das bevölkerungsreichste Land in der Europäischen Union. Wir haben Erfolge im Welthandel. Wir haben real Anteile an den Märkten der Welt gewonnen. Wir haben diese Erfolge - das zeigt die Kraft der deutschen Volkswirtschaft - vor einem ganz bestimmten historischen Hintergrund erzielt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Deutschland wiedervereinigt - ein Land, ein Volk mit 82 Millionen Einwohnern und einem gewaltigen Bruttoinlandsprodukt. Um diese Wiedervereinigung so einzurichten, dass im ganzen Land möglichst gleiche Lebensbedingungen herrschen, transferieren wir - nunmehr seit 15 Jahren - vom Westen in den Osten des Landes jedes Jahr mehr als 80 Milliarden Euro. Wir sind stolz darauf, das tun zu können. Wir sind auch stolz darauf hinweisen zu können, dass eine solch gewaltige Leistung keine Volkswirtschaft der Welt erbringen muss und, wir behaupten, wenige Volkswirtschaften der Welt erbringen könnten. Ich erwähne das, um Ihnen deutlich zu machen, welche Kraft in dieser Volkswirtschaft steckt und welche Chancen auch für Investment aus Kuwait damit verbunden sind.
Herr Al Ghanim, ein hervorragender Kenner meines Landes, hat schon darauf hingewiesen, dass wir über eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur verfügen. Das ist an sich eine Selbstverständlichkeit für ein hoch industrialisiertes Land. Aber diese Infrastruktur in der Mitte Europas aufrecht zu erhalten, kostet viel Kraft. Wir verfügen nicht nur über eine ausgebaute Verkehrsinfrastruktur, sondern auch über eine hervorragende Kommunikationsinfrastruktur, die immer wichtiger für wirtschaftlichen Austausch wird. Wir verfügen weltweit über das modernste Netz der Informations- und Kommunikationstechnologie. Meine Damen und Herren, vor allen Dingen verfügen wir über erstklassig ausgebildete Arbeitskräfte und über ein Maß an Flexibilität auf unseren Arbeitsmärkten, das in der Praxis vorbildlich ist. Wir haben eine Struktur in der Wissenschaft, die dazu führt, dass wir vorneweg sind bei der Entwicklung neuer Produkte und bei ihrer Umsetzung auf den Märkten der Welt. Kurzum: Deutschland ist ein Land, auf das wir stolz sind und dessen Leistungskraft wir gern überall in der Welt erläutern.
Was sind nun die Felder der Zusammenarbeit zwischen Deutschland auf der einen Seite und Kuwait auf der anderen Seite? Wenn man sich diese Frage stellt, dann möchte ich ein paar praktische Erfahrungen einbringen, die ich auf meinem kurzen Besuch habe sammeln können. Erstens: Ich komme gerade von einem Ausbildungszentrum hier in Kuwait. Dort werden junge Menschen ausgebildet in den technischen Berufen, aber auch in den Bereichen Touristik und Gesundheit. Mir scheint das ein sehr gutes Beispiel für eine entwickelte partnerschaftliche Zusammenarbeit zu sein. Wir haben in Deutschland Erfahrungen mit einem sehr guten Ausbildungssystem, das darauf beruht, dass praktische Ausbildung in den Betrieben und Unternehmen sowie theoretische Ausbildung durch den Staat in den Schulen gemacht wird. Wir sind bereit, diese Erfahrungen weiter zu geben.
Zweitens: Wir sind erst am Beginn eines wissenschaftlichen Austausches. Die Zusammenarbeit auf diesem Sektor - bei der Entwicklung neuer Ideen, bei der Umsetzung in Produkte, vielleicht auch bei der Vermarktung - wird immer wichtiger. Wir können auf diesem Sektor noch viel miteinander erreichen, und wir sind dazu bereit. Ich habe gestern ein Kraftwerk - eine Kooperation eines kuwaitischen Unternehmens und Siemens - mit einweihen können - ein Kraftwerk, das auf Gasbasis funktioniert. An diesem Beispiel zeigt sich, was wir miteinander - kuwaitische und deutsche Unternehmen - bei der Herstellung und Entwicklung von Energietechnik tun können; ein Bereich, der für die kuwaitische Wirtschaft von großer Bedeutung ist und der der kuwaitischen Wirtschaft im Übrigen einen Markt in der Nachbarschaft öffnen soll, nämlich im Irak, auf den ich noch zurückkommen werde. Die Erfahrungen und Kenntnisse, die Deutschland auf dem Energiesektor hat, können wir nutzen, um eine Infrastruktur aufzubauen, die seinesgleichen sucht.
Im Golfkooperationsrat gibt es Überlegungen, ob man die Energieproduktionen in der ganzen Region vernetzt - nach dem Vorbild Europas, wo wir Netze haben, die in Spitzenzeiten dem jeweils anderen bei hoher Nachfrage helfen können. Diese Form der Vernetzung erfordert ein hohes Maß an technologischen Kenntnissen, die wir in Deutschland in besonderer Weise haben und die wir gern zur Verfügung stellen. Es geht also nicht nur um Produktion, sondern es geht auch um Betrieb und die Kenntnisse, die man braucht, um einen effizienten Betrieb zu gewährleisten.
Wir wollen sehr eng auf dem Gebiet der Logistik zusammenarbeiten. Hier geht es keineswegs nur um den Autoverkehr, sondern es geht vor allen Dingen um den Bereich des Bahnsektors. Es geht aber auch um Hafenprojekte, wo wir Erfahrung in der Planung und im Betrieb haben, die wir gern zur Verfügung stellen. Es geht natürlich auch um das, was mit der Logistik im Luftverkehr zusammenhängt. Auch hier gibt es Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die ausbaufähig sind und die wir von heute an auch konkreter ins Auge fassen wollen. Wir haben Erfolge in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. 2004 ist der Export von Deutschland nach Kuwait um 30 Prozent gewachsen. Das ist ein großer Erfolg, auf den wir miteinander stolz sein können, aber die Potenziale sind keineswegs ausgeschöpft.
Ich hatte über den Dialog der Kulturen und in dem Zusammenhang über Wissenschaft geredet. Da sind wir am Anfang, keineswegs am Ende des Weges. Der kulturelle Austausch sollte mehr ins Auge gefasst werden. Es gibt Möglichkeiten in der Musik, in der Literatur und der bildenden Kunst, mehr voneinander zu erfahren, als das gegenwärtig der Fall ist. Ich würde es gern sehen, wenn wir auch auf diesem Gebiet enger miteinander kooperieren als in der Vergangenheit.
Herr Al Ghanim, Sie haben aus einem sehr guten Grunde auf etwas hingewiesen, das wir miteinander für wichtig halten, nämlich das politische Umfeld, in dem sich wirtschaftliche Tätigkeit bewegt. Es gibt - lassen Sie mich das so sagen - keinen Frieden ohne wirtschaftliches Wohlergehen und Entwicklung, jedenfalls nicht auf Dauer. Aber umgekehrt gibt es auch keine wirtschaftliche Entwicklung, keine wirkliche Perspektive ohne Frieden. Das bringt mich dazu zu sagen, dass wir eine Menge an Gemeinsamkeiten haben - auch das ist in den Diskussionen mit dem Herrn Ministerpräsidenten deutlich geworden -, was die Konflikte angeht, die in dieser Region für alle sichtbar sind.
Bevor ich drei Bemerkungen dazu mache, will ich ein Thema nicht aussparen, das für die Weltwirtschaft von besonderer Bedeutung ist. Wir hatten gestern Gelegenheit, mit dem Herrn Ministerpräsidenten über die Frage zu diskutieren, wie sich die Entwicklung der Ölpreise im Weltmaßstab in der nächsten Zeit darstellt. Wir hatten Gelegenheit darauf hinzuweisen, dass Kuwait, ausgestattet mit gewaltigen Ölreserven, eine außerordentlich verantwortungsbewusste Politik in diesem Bereich verfolgt. Sie folgt der Erkenntnis, dass auch die Ölförderländer, wenn sie nicht in kurzfristigen Phasen, sondern mittel- und langfristig denken, an auskömmlichen, gerechten und die weltwirtschaftliche Entwicklung stützenden Preisen interessiert sind. Das sind erst recht die entwickelten Länder. Sie werden und sie können nämlich nur dann ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Technologien weitergeben, wenn die ökonomischen Bedingungen dies ermöglichen. Das ist der Zusammenhang, den man sehen muss, wenn man über die Perspektiven der Weltwirtschaft nachdenkt.
Ich hatte gesagt: Ich wollte auf die Sorge eingehen, die Herr Ghanim in seiner Rede über die regionalen Konflikte zum Ausdruck gebracht hat. Einer der Wesentlichsten ist die Frage: Schaffen wir es, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu lösen? Schaffen wir es sicherzustellen, dass Israel und seine Bürgerinnen und Bürger in sicheren Grenzen frei von terroristischen Attacken leben können, und schaffen wir es auf der anderen Seite sicher zu stellen, dass es einen palästinensischen Staat gibt, der diesen Namen auch verdient, der aus sich selbst heraus lebensfähig ist?
Das ist die Aufgabe, die wir haben. Ich glaube, dass dies mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus verbunden ist. Möglicherweise gibt es keine direkte Beziehung zwischen diesem Konflikt und dem Terrorismus, denn die Aktiven im Terrorismus sind nicht verelendete Massen. Aber es gibt über diesen Konflikt immer wieder die Möglichkeit, Massenloyalität für terroristische Attacken oder jedenfalls Verständnis herzustellen. Auch deshalb muss der Konflikt gelöst werden; das liegt in unserem gemeinsam Interesse. Vorneweg müssen die Vereinigten Staaten von Amerika sein. Sie sind die einzigen, die die politische Kraft haben, diesen Konflikt wirklich gestaltend zu lösen. Europa - und in Europa Deutschland - kann und will einen Beitrag leisten. Das werden wir ergänzend zu den Aktivitäten der Vereinigten Staaten auch tun, und wir werden das gemeinsam mit unseren europäischen Freunden tun.
Ein zweiter Konflikt, der Kuwait besorgt macht, ist die Auseinandersetzung um die Frage der Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, hier atomare Waffen, mit Bezug auf Ihr Nachbarland Iran. Ich glaube, der Ansatz der Europäer ist richtig. Wir wollen niemandem vorschreiben, ob er Kernenergie friedlich nutzt oder nicht. Aber ich glaube, wir haben ein gemeinsames Interesse daran, dass der Iran nicht über atomare Waffen verfügt. Deswegen ist der Ansatz der drei europäischen Mächte - Deutschland, England und Frankreich -, in Verhandlungen zu signalisieren: Wir haben keine Einwände gegen die friedliche Nutzung, aber wir haben schon die Verpflichtung und die Aufgabe dafür zu sorgen, dass es zur Verfügung über Atomwaffen nicht kommt. Wir wollen das in fairen Verhandlungen klären, bei denen wir auch bereit sind, wirtschaftliche Perspektiven anzubieten, wenn das Ziel erreicht wird. Aber auch die Führung des Iran muss sich in die richtige Richtung bewegen. Mein Eindruck ist, dass die Chancen für eine Regelung gestiegen sind, zumal auch die Vereinigten Staaten von Amerika den Verhandlungsansatz deutlich unterstützen.
Wir haben dann - auch, weil das ein Nachbarland ist - über den Irak zu reden. Wie immer man zur Vergangenheit steht, es kommt jetzt für uns alle darauf an dafür zu sorgen, dass es einen stabilen Irak gibt, weil das die Voraussetzung für mehr Stabilität in der ganzen Region ist. Das ist der Grund, warum Deutschland sich an der Ausbildung von Polizei und Militär für die Iraker beteiligt. Wir tun das nicht im Irak, aber wir tun das in den Emiraten, und wir setzen dazu durchaus erhebliche Mittel ein. Wir sind bereit, unsere Erfahrungen zur Verfügung zu stellen, wenn es um den Aufbau von Institutionen geht. Sie haben, Herr Al Ghanim, zu Recht darauf hingewiesen, dass wir unserer Vergangenheit wegen dabei über erhebliche Erfahrungen verfügen. Wir wollen gern hilfreich sein, wenn das gewünscht wird. Wir sind durchaus bereit, wenn es die Sicherheitslage zulässt, vielleicht auch in Zusammenarbeit mit Kuwait, für den Wiederaufbau in dem Land zu sorgen. Wir haben bereits jetzt 200 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Wir sind es gewesen, die bei der Diskussion um die Schulden des Irak dafür gesorgt haben, dass es zu einem großzügigen Erlass gekommen ist, damit der Irak dieses Geld für Wiederaufbau einsetzen kann - ein Land, das ja potenziell über erhebliche Ressourcen verfügt. Wir sind bereit, auf diesem Wege weiter zu gehen.
Daran wird deutlich, dass wir als Europäer ein Interesse an der Lösung der Konflikte in der Region haben, weil das unsere Nachbarregion ist und weil wir wissen, dass Konflikte, die hier nicht gelöst werden, negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und damit auf unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten haben.
Mein Eindruck, Herr Al Ghanim, Herr Minister, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist also, dass wir am Anfang eines guten Weges sind, auf dem die Zusammenarbeit zwischen Kuwait auf der einen Seite und Deutschland auf der anderen Seite gestärkt werden kann. Wenn es angesichts dieser erfolgreichen Zusammenarbeit Wünsche an uns gibt - z. B. den Wunsch, in Europa hilfreich zu sein, damit man endlich das Abkommen über freien Handel zwischen Kuwait und Europa zu Wege bringt -, dann wollen wir uns gern darum kümmern. Wir haben, Herr Minister, viel darüber geredet. Mein Eindruck ist also, dass große Möglichkeiten vor uns liegen.
| Rede der Bundeskanzlerin beim deutsch-kuwaitischen Wirtschaftsforum |
Rede der Bundeskanzlerin beim deutsch-kuwaitischen Wirtschaftsforum
am 6. Februar 2007 in Kuwait
Sehr geehrter Herr Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer,
sehr geehrter Herr Minister Al-Hajeri,
sehr geehrter Herr Finanzminister,
sehr geehrter Herr Minister, lieber Michael Glos,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte mich zuerst einmal ganz herzlich für die Gastfreundschaft bedanken, mit der wir hier in Kuwait empfangen wurden.
Ich möchte auch betonen, dass die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern ausgezeichnet und bereits langjährig freundschaftlich und sehr eng sind. Der heutige Besuch hat auch wieder gezeigt, dass wir daran anknüpfen und diese Entwicklung verstärken wollen. Deshalb haben wir auch Ihren Vorschlag aufgenommen und sind heute nicht nur als politische Delegation hierher gereist, sondern unser Wirtschaftsminister ist auch mit führenden Vertretern der deutschen Wirtschaft anwesend. Die Tatsache, dass der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie heute unter uns weilt, zeigt, dass die Beziehungen auch in die Wirtschaft hinein verbreitet werden. Wir können also sagen, dass auf beiden Seiten ganz offensichtlich der Wunsch besteht, die verlässliche und intensive Kooperation fortzusetzen.
Wir haben heute auch sehr klar darüber gesprochen, dass die deutsche Wirtschaft und Deutschland insgesamt sich anstrengen müssen. Wir haben z. B. über das Steuersystem in Deutschland gesprochen, das im internationalen Vergleich nicht immer als das beste und attraktivste erscheint. Ich konnte hier mitteilen, dass wir an einer Unternehmenssteuerreform arbeiten und sich unsere steuerlichen Bedingungen mit Blick auf den internationalen Wettbewerb verbessern werden.
Wir wissen, dass Kuwait schon seit Jahren einer der größten arabischen Investoren in Deutschland ist. Wir möchten, dass dies weitergeführt wird. Deshalb haben wir uns heute auch hierüber ausgetauscht. Ich konnte aber auch mitteilen, dass viele deutsche Unternehmen einen sehr guten Ruf nicht nur bei uns zu Hause, sondern weltweit haben, und wir uns wünschen, dass wir diesen Firmen in Kuwait auch in Zukunft eine Chance geben können. Ich werde die deutsche Wirtschaft ermutigen, auch immer wieder ihre Chance zu suchen.
Ganz wesentlich ist die gute Partnerschaft zwischen Deutschland und Kuwait auch dem vor einem Jahr verstorbenen Emir zu verdanken, der ein großes Führungsgeschick und eine große Weitsicht bei der Frage bewies, wie sich Kuwait entwickeln soll. Damals war es seine Entscheidung, in Deutschland zu investieren. Dies war dann – historisch gesehen – der Auftakt für ein sehr enges Engagement. Daran wollen wir anknüpfen: Wir sind gern bereit, Ihnen immer wieder über die Vorzüge unseres Standortes Bericht zu erstatten. Wir sind als Politiker auch bereit, Kritik hinzunehmen, in welchen Gebieten wir noch nicht ausreichend gut sind.
Wir wollen diese wirtschaftliche Zusammenarbeit mit einer sehr breiten Zusammenarbeit in Fragen der Bildung und Ausbildung kombinieren. Auch hier ist die Tür für mehr Engagement offen. Wir haben schon einiges im Bildungsbereich getan, z. B. die Kooperation der kuwaitischen Regierung mit der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, womit wir uns auch mit der Berufsbildung auseinandersetzen.
Ich kann aus meiner Warte nur sagen: Die Berufsausbildung in Deutschland war eine der großen Errungenschaften, die uns dazu gebracht hat, sehr hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland zu haben und über Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu verfügen, die fähig sind, lebenslang auf den technischen Wandel zu reagieren. Dieses lebenslange Lernen – das werden auch Sie in Ihrer Region erleben – gewinnt immer mehr an Bedeutung. Denn die technologischen Innovationszyklen vollziehen sich heute immer schneller.
Die deutschen Firmen leisten – ich glaube, das wissen Sie alle hier in Kuwait – einen herausragenden Job, auch was Bildungsleistungen anbelangt. Siemens hat junge kuwaitische Ingenieure in Deutschland ausgebildet. Daimler-Chrysler bildet hier junge Führungskräfte in der Fahrzeugtechnologie aus. Ich glaube, wir sollten diese Ansätze auch auf die akademische Bildung ausdehnen. Deshalb wären wir sehr froh, wenn qualifizierte kuwaitische Stipendiaten bei uns anklopfen würden und sie sich auch mit unserer Kultur – mit dem, wie wir leben – näher vertraut machen würden. Die Tür der Bundesrepublik Deutschland steht hierfür offen.
Nun bin ich heute nicht nur als deutsche Bundeskanzlerin hier und werbe für unsere Wirtschaft, sondern Deutschland hat auch die Präsidentschaft in der Europäischen Union. In dieser Präsidentschaft wird für uns in Europa das Thema Energie eine ganz wichtige Rolle spielen. Das Thema Energie kennen Sie in seinen verschiedenen Facetten – einmal dadurch, dass wir über Öl und Gas natürlich mit niemandem besser sprechen können als mit Ihnen.
Aber ich habe heute bei meinen Diskussionen mit dem Premierminister auch gesehen, dass Sie weit in die Zukunft blicken und Sie auch wissen, dass wir in Zukunft neben den Erdölquellen auch die erneuerbaren Energien stärken müssen und dass gerade in dieser Region hervorragende Voraussetzungen dafür gegeben sind. Deshalb wollen wir – neben der Tatsache, dass wir natürlich wissen, wie sehr Energie und politische Stabilität zusammenhängen – mit Ihnen auch gern in der Innovation zusammenarbeiten, wenn es um die Entwicklung von Windenergie, Solarenergie oder anderem geht.
Wir werden in der Europäischen Union alle Anstrengungen darauf setzen, auch unsere Zusammenarbeit mit dem Golf-Kooperationsrat zu verstärken. Wir haben heute sehr präzise – der Finanzminister ist noch da – darüber gesprochen, dass wir einen weiteren Anlauf nehmen sollten. Ich habe heute von Ihnen gelernt, dass wir nun das 16. Jahr – unser Wirtschaftsminister sagt, es sei bereits das 18. Jahr – miteinander verhandeln, um hier endlich etwas zustande zu bringen. Ich habe nach meiner Reise durch die Region – und heute auch ganz speziell in Kuwait – den Eindruck, dass vielleicht eine kleine Hoffnung besteht, das Thema zu einem Erfolg zu führen. Ich glaube, es wäre wirtschaftspolitisch und handelspolitisch ein wichtiges Signal für die gesamte Region, aber auch, weil wir wissen, dass politische Sicherheit eng mit wirtschaftlicher Kooperation zusammenhängt.
Damit bin ich dann bei dem, was Sie hervorgehoben haben, Herr Präsident der Industrie- und Handelskammer: Diese Region soll sich gut entwickeln. Wir wollen dabei Partner sein. Aber diese Region kann sich nur gut entwickeln, und letztendlich kann sich auch nur Europa gut entwickeln, wenn wir die großen politischen Konflikte einer Lösung zuführen.
Wir halten gemeinsam den palästinensisch-israelischen Konflikt für den zentralen Konflikt, der in viele Bereiche anderer Konflikte hineinstrahlt. Deshalb haben wir uns mit vielen anderen dafür eingesetzt, dass das Nahost-Quartett jetzt wieder tagt. Ich bin sehr froh, dass die arabischen Länder und insbesondere auch der Golf-Kooperationsrat Initiativen ergriffen haben, um auch einen Beitrag zu leisten. Das Ziel ist klar: Wir brauchen eine Zweistaaten-Lösung, das Existenzrecht Israels und einen palästinensischen Staat, der den Palästinensern auch die Möglichkeit gibt, sich vernünftig zu entwickeln.
Sie haben Nachbarschaften, die Ihnen und auch uns große Sorgen machen. Der Irak ist in einem Zustand, in dem wir alle Kraft darauf lenken müssen, Stabilität zu bekommen. Ich stimme vollkommen mit Ihnen überein: Wir müssen einen einigen Irak erhalten und wieder aufbauen und alles daran setzen, dass es keine Zerfallsprozesse gibt.
Große Sorgen in der Region bereitet der Iran. Wir sind zusammen mit den Partnern in der Welt, zusammen in den Vereinten Nationen, sehr entschlossen, alles daran zu setzen, damit der Iran versteht, dass er sein Nuklearprogramm nicht fortsetzen kann und er zuerst einmal Transparenz schaffen muss, um von der IAEO wieder akzeptiert zu werden.
Wir haben dem Iran ein sehr konkretes Angebot gemacht, nämlich die drei EU-Länder Großbritannien, Frankreich und Deutschland mit den Vereinigten Staaten von Amerika, Russland und China. Wir haben leider auf unser Angebot keine vernünftige Antwort bekommen. Deshalb mussten wir im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Resolution mit Sanktionen verabschieden. Aber ich sage ausdrücklich auch von dieser Stelle: Die Tür für Verhandlungen über unser Angebot ist offen. Wir wollen vor allen Dingen auch, dass die Menschen im Iran eine vernünftige Entwicklungschance haben.
Wir wissen, wir sind Nachbarn. Deshalb müssen sich Nachbarn gerade in einer globalen Welt auch immer wieder miteinander und füreinander verantwortlich fühlen. Aus dem Gefühl dieser Verantwortung heraus möchte die Europäische Union ihren Beitrag leisten, um Konflikte zu lösen. Wir spüren aber heute auch, dass dies nur noch gemeinsam gelingt. Alle müssen sich anstrengen. Alle müssen deutlich machen, wofür wir einstehen – für Frieden und für Sicherheit. Dabei ist uns Kuwait ein guter Partner. Dafür möchte ich danken.
Ich möchte Sie alle ermuntern, die Sie von kuwaitischer Wirtschaftsseite da sind: Wagen Sie noch mehr Engagement in Deutschland und seien Sie offen gegenüber Unternehmern, die in Kuwait investieren wollen. Es wird zu unser aller Nutzen sein.
Herzlichen Dank.
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